DTB Infotag – Responsible Management of Supply Chains

Social Compliance and Chemical Input

Am 29.06.2016 lud der DTB in Kooperation mit der Messe Frankfurt auf der Fashion Week Berlin zum Infotag CSR ein. Hierfür boten die Räumlichkeiten der Ethical Fashion Show Berlin / Greenshowroom die optimale Plattform.

Dass das Thema immer weiter an Bedeutung gewinnt und eine zentrale Rolle für unsere Branche spielt, spiegelt sich an der äußerst positiven Zahl der Teilnehmer wider. Obwohl während der Fashion Week ein Termin den nächsten jagte, freuten wir uns bereits am Vormittag knapp 100 Teilnehmer – Firmen wie z. B. ADLER, H&M, Heinrich Heine, Globetrotter, Otto, Peter Hahn, Zalando u.v.a. - sowie Verbände und Organisationen begrüßen zu dürfen.

Die Folgen des globalisierten Freihandels -Dr. Sabine Ferenschild & Julia Schniedwind Südwind e.V.
Im ersten Vortrag des Tages stellten Frau Dr. Ferenschild und Frau Schniedwind eine neue Studie der Otto Brenner Stiftung über die Folgen des Freihandels auf dem Textilmarkt, welche von den beiden Südwind Mitarbeiterinnen verfasst wurde, sowie die wichtigsten Ergebnisse vor. In die Untersuchung wurden 8 Schwerpunktländer/ -regionen einbezogen: Bangladesch, China, Indien, Indonesien, Kambodscha, Türkei, Vietnam und die EU.
Der Frage nachgehend „Welche Auswirkungen hatte das Auslaufen des Welttextilabkommens vor über zehn Jahren auf die wichtigsten Produktionsländer?“ führte zu dem Ergebnis, dass die zentralen Prognosen eingetreten sind, wie u. a.:

  • Eine Ausweitung Textil- und Bekleidungshandel;
  • eine massive Verlagerung der Produktion nach China
  • eine Regionalisierung des textilen Handels in der Globalisierung vor allem im asiatischen Raum
  • größter Profit fällt Unternehmen, v. a. große Markenunternehmen, zu

Doch trotz des Wachsens der Textil- und Bekleidungsindustrie kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass die Arbeitsbedingungen der NäherInnen nicht von diesem profitieren. Als zentrales Resümee betont die Studie, dass „der Schutz von Beschäftigten in den Mittelpunkt rücken muss.“

Nachhaltigkeit in der Textil- und Bekleidungsbranche: Status Quo und aktuelle Trends – Die Ergebnisse des oekom research Branchenratings - Lisa Häuser – Oekom Research AG
Im Anschluss präsentierte Frau Häuser die zentralen Ergebnisse des Branchenrating „Corporate Responsible Review“ bei dem 56 Unternehmen aus dem Bereich Bekleidung und Schuhe, Accessoires, Schmuck, textile Produkte und z. T. andere Läden, analysiert wurden. Es wurden sowohl soziale Kriterien wie u. a. für die Belegschaft (Versammlungsfreiheit, Bezahlung, Work-Life-Balance etc.), für die Gesellschaft, Lieferanten und weitere untersucht sowie ökologische Kriterien wie Öko-Effizienz, Gefahrenstoffe, Umweltpolitik etc.
Bei den Arbeitsbedingungen in der Lieferkette zeigten die Auswertungen zwar, dass die Richtlinien gut verbreitet sowie Audits inzwischen zum Standard geworden sind, jedoch verfügen diese Audits nicht über ausreichende Transparenz bei den Ergebnissen. Ferner werden Themen wie existenzsichernde Löhne kaum thematisiert und die Auswirkungen der eigenen Einkaufspraxis unzureichend hinterfragt. Bei der Analyse des Umgangs mit Gefahrenstoffen wurde zwischen bedenklichen Stoffen in den Endprodukten, Gefahrenstoffen in der Produktion sowie Kontroversen unterschieden. Die Evaluierung zeigt, dass zwar der größte Teil der Unternehmen nur die gesetzlichen Anforderungen erfüllt, aber inzwischen viele Unternehmen über diese positiv hinaus agieren. In der Produktion gab es bei einigen großen Unternehmen, initiiert durch die Greenpeace „Detox Kampagne“, bereits wesentliche Maßnahmen. Jedoch verfügt mehr als die Hälfte der Unternehmen in diesem Bereich über keine bzw. unzureichende Strategien.
Als Fazit nannte Frau Häuser die Tatsache, dass die Textil- und Bekleidungsindustrie erst am Anfang stehe, ihre Verantwortung bezüglich Nachhaltigkeit gerecht zu werden und hierbei Kenntnisse der eigenen Lieferkette sowie dauerhafte Lieferbeziehungen u.a. essentiell seien.

Transparenz und Nachhaltigkeit in der Produktion und Qualitätsmanagement – Deniz Thiede ATICS GmbH
Herr Thiede begann seinen Vortrag mit einer kurzen Vorstellung der Unternehmensgruppe Matrix Sourcing, welche Transparenz und Nachhaltigkeit in ihrer Unternehmensphilosophie integriert hat.
Um diese Unternehmensphilosophie auch den Kunden zu ermöglichen, stellte Herr Deniz Thiede eine Software-Komplettlösung.
Es wird dem Kunden nahezu ein „Live-Einblick“ in ein Audit gewährt. Transparenz – Geschwindigkeit – Präzision – sind die Schlagworte des Tools. Es bietet der nutzenden Firma die Möglichkeit in Echtzeit die einzelnen Schritte in der Produktionsstätte zu verfolgen und ermöglicht somit eine umfassende Transparenz.
Abfotografierte Defekte, Berichte und das Ergebnis der Prüfung vor Ort können so sofort begutachtet und entsprechend darauf reagiert werden. Die Software bietet aber auch die Möglichkeit die Performance des Lieferanten zu analysieren und ein unabhängiges Profil über die Lieferanten einzusehen.

Anhand einer Live Demonstration an Laptop und Smartphone wurde die Schnelligkeit und intuitive Bedienbarkeit der Software deutlich.

Nachhaltigkeit REACh & Co. – Quo Vadis? – Dr. Dirk von Czarnowski, Intertek Holding Deutschland GmbH
Herr Dr. von Czarnowski gab in seiner Präsentation einführend einen guten Überblick über die aktuelle Situation auf dem Markt und die wichtigsten Bewegungen in Hinblick auf das Thema Nachhaltigkeit.
Vom Maßnahmenprogramm Nachhaltigkeit, dem Bündnis für nachhaltige Textilien, über die verschiedenen Siegel bis hin zur Detox Kampagne, alle diese Bewegungen haben das gleiche Ziel: Nachhaltigkeit zu fördern. Eine bedeutende Komponente bei dem Schritt zu einem nachhaltigen Produkt sind die chemischen Inhaltsstoffe. Um ein sicheres Produkt zu gewährleisten gibt es hier bereits Regularien, Gesetze und Verordnungen. Auch hier gab Dr. von Czarnowski einen fundierten Überblick über die für die Branche relevantesten und die Merkmale an denen man erkennen kann, ob es sich um eine Verordnung oder eine Richtlinie handelt. Gemeinsam mit dem Auditorium tauchte er detaillierter in die REACh Verordnung ein und ging näher auf die besonders besorgniserregenden Stoffe (SVHC) ein.
Als Ausblick stellte Dr. von Czarnowski die Frage „Was kommt als nächstes?“. Hier betonte er, dass das Modell der Textilprüfung von Grund auf erneuert werden muss, denn „nicht nur unmenschliche Arbeitsbedingungen tragen zu globalen Beschmutzung der Textillieferkette bei, sondern auch der Gebrauch von Schadstoffen bei der Textilherstellung.

Update Textilbündnis – Dr. Bernhard Felmberg, BMZ
Herr Dr. Felmberg gab in seinem Vortrag ein kurzes Update zum Textilbündnis´. Da das Bündnis´ seit Beginn viele hitzige Diskussionen ausgelöst hat und oftmals in der Kritik steht, betont er gleich am Anfang die Zielorientierung.
Ein wichtiger Meilenstein wurde laut Dr. Felmberg inzwischen mit der Verabschiedung der Liste verbotener Chemikalien gesetzt. Die Mitglieder der Fachgruppe Chemikalien des Bündnisses haben sich auf die Übernahme der Regelungen aus der „Liste der in der Herstellung verbotener Schadstoffe“, MRSL, der „Initiative zur Eliminierung gefährlicher Chemikalien“, ZDHC, geeinigt. Diese Entscheidung spiegelt die Bestrebungen des Bündnis´, gesetzliche Anforderungen zur übertreffen, wider. Auch zu den sozialen Zielen soll es noch in 2016 Entscheidungen getroffen werden. In den aktuellen Diskussionen stehen, welche Ansprüche an faire Arbeitsbedingungen gestellt werden und mit welchen Maßnahmen diese erreicht werden können.

Präsentation eines Verbundprojektes zur Förderung der Nachhaltigkeit – Carolin Bohrke, hessnatur Stiftung
Frau Bohrke ging zu Beginn ihres Vortrags auf den Paradigmenwechsel ein, vor dem die Textil- und Bekleidungsbranche aktuell steht. Wo früher Preis, Qualität und Lieferdaten im Fokus standen, verschiebt sich dieser immer mehr in die Richtung der Transparenz und der Aufgabe, Verantwortung zu übernehmen.
Auch für den Kunden kann der Aspekt des nachhaltigen Produktes beim Kauf ausschlaggebend sein, wenn es in Qualität und Preis gleichwertig ist. Es wird für Unternehmen immer wichtiger die eigene Lieferkette genau zu kennen und eine breite Transparenz zu ermöglichen, hinsichtlich der Kenntnisse im Ökologie- und Sozialstandardbereich gut aufgestellt zu sein und entsprechende Management- und Monitoringsysteme zu implementieren. Um die Unternehmen bei diesen Herausforderungen zu unterstützen, wurde ein Verbundprojekt zwischen der hessnatur Stiftung dem DTB und CSI Consulting, zur Durchführung gemeinsamer Private Public Partnership Projekte sowie zur Förderung der Nachhaltigkeitskompetenz der Unternehmen gründet.

Frau Bohrke stellte die Projektziele sowie den Ablauf näher vor. Der Projektablauf unterteilt sich in zwei Schritte, den Projektteil #1, bei dem nachhaltige Beschaffungsstrukturen beim Partnerunternehmen geschaffen werden sollen sowie dem Projektteil #2 bei dem das Ziel die Qualifikation des Lieferanten ist.
Die hessnatur Stiftung kann durch ihre Expertise und jahrzehntelanger Erfahrung in diesem Bereich die Unternehmen bei der Implementierung einer nachhaltigen Strategie unterstützen.

Best practices Supply Chain Management Transparenz .- Prof. Patrick Kugler, HAW Hamburg
Als Einführung stellte Prof. Kugler in seinem Vortrag den Begriff des textilen Kreislaufs dar. Während die textile Kette mit der Entsorgung endet, grenzt sich der Kreislauf durch den Punkt des „Recyclings“ deutlich von einer Kette ab.
In seiner praxisnahen Präsentation ging Prof. Kugler auf die Transparenz in der Supply Chain anhand von einigen Best Practice Beispielen ein. So zeigte er welche Unternehmen (u.a. Patagonia, Nudie Jeans, G-Star oder auch H&M) bereits Schritte in eine transparente Lieferkette und somit in eine transparente Kommunikation für den Endkunden getan haben. Während seines Vortrags besuchte er die Internetseiten der einzelnen Anbieter, um dem Auditorium die einzelnen Unternehmungen und verschiedenen Darstellungen zu zeigen. Bei Nudie Jeans kann der Endverbaucher z. B. mittels einer „total production in value“ map für die einzelnen Produktgruppen herausfiltern, wie viel Prozent des Produktes wo produziert wurde oder den einzelnen Produktionsbetrieb selektieren. H&M versucht z. B. durch die Auflistung seiner Lieferanten mehr Transparenz zu schaffen.

Unternehmen – Kunden – Beziehungen im CSR-Kontext - Prof. Dr. Rudolf Voller, Hochschule Niederrhein
Prof. Dr. Voller am Anfang seines Vortrags das CSR Kompetenzzentrum EthNa, welches ähnlich wie die hessnatur Stiftung Unternehmen dabei unterstützt, ökonomisch erfolgreiches Handeln gleichzeitig sozial und ökologisch verträglich zu gestalten.

In seinem Vortrag stand der Kunde im Mittelpunkt, denn die erhöhten Preise wirken sich letztendlich auf den Kunden und sein Kaufverhalten aus. In diesem Kontext wurden unterschiedliche Befragungen durchgeführt sowie Projekte erstellt, die zur Evaluierung des Stellenwerts von Nachhaltigkeit für den Kunden dienen sollten beziehungsweise welche Kriterien beim Kauf ausschlaggeben sind. Die Ergebnisse zeigten, dass Faktoren wie „gut auszusehen“, Optik sowie Preis noch immer mehr Einfluss auf die Kaufentscheidung nehmen als der Nachhaltigkeitsaspekt. Dennoch ergaben einige Umfragen aus Abschlussarbeiten der Hochschule Niederrhein, dass 60 % der Befragten Nachhaltigkeit als wichtig einstufen und 30 % überlegen „nachhaltig“ zu kaufen (und würden hierzu sogar einen Mehrpreis von 10% in Kauf nehmen). Ferner wurde durch ein „Eyetracking-Experiment“ die generelle Bedeutung einzelner Kaufkriterien untersucht. Hier wurde den Themen „Umweltbedingungen“ und „Faire Arbeitsbedingungen“ die geringste Bedeutung geschenkt. Insgesamt kristallisierte sich heraus, dass der Kunde sich nur bedingt an dem Kriterium „Nachhaltigkeit“ orientiert, jedoch eine generelle Bereitschaft vorhanden ist. Für die Unternehmen gibt es somit klare
„To Do´s“ in Richtung Kommunikation- und Informationsmanagement.

Diskussionsrunde: Des Königs neue Kleider — kommt Transparenz in Mode?
Die von Herrn Heimann moderierte Podiumsdiskussion rundete den Infotag optimal ab. Die wichtigsten Aussagen der Diskussion deckten sich mit den Erkenntnissen, die im Laufe des Tages aus den einzelnen Vorträgen gewonnen werden konnte. Das Thema Nachhaltigkeit und Corporate Social Responsibility steht ganz klar im Fokus der Branche und nimmt einen nicht mehr wegzudenkenden Stellenwert ein. Obwohl bereits viel unternommen wurde und sich ein großer Teil der Unternehmen zu ihrer sozialen Verantwortung bekannt haben, zeigt der Status Quo dennoch, dass es vor Ort beim Produzenten noch große Lücken gibt. Ein wichtiger Aspekt ist hierbei, dass Unternehmen in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen die Individualität ihres Unternehmens stellen sollten, da dies strategisch meist besser ist, als nur übergreifende strenge Vorschriften zu schaffen. Unternehmen sollten sich fragen „Wo liegen konkret unsere Probleme?“, „Welche Lücken gibt es in unserem Unternehmen zu schließen?“, „Welche Themen sind für uns relevant?“, „Was können wir erreichen und wo liegen unsere Grenzen?“
Der Tenor der Diskussion lautete auch ganz klar, dass das Thema Nachhaltigkeit nicht als lästiges Übel zu sehen, sondern als Wertetreiber und in der Konsequenz auch als ganz klarer Marktvorteil.

An dieser Stelle möchten wir uns noch bei der Messe Frankfurt für die gute Kooperation bedanken, bei den Referenten für die spannenden Vorträge sowie den Podiumsdiskussionsteilnehmern:
Dr. Jürgen Janssen (GiZ), Dieter Overath (Fairtrade), Katja Hetzer (Global Sustainable Management), Claudia Kersten (GOTS), Berndt Hinzmann (Inkota-netzwerk e.V.) sowie Mark Starmanns (BSD Consulting).

Ein ganz besonderes Dankeschön geht an Herrn Rolf Heimann, hessnatur Stiftung, für die Moderation des gesamten Tages.


Kontakt

Dialog Textil-Bekleidung
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